Indie Britannia Undergrowth

Babyblaue-seiten says…

babyblaue-seiten. Gunnar Claußen  March 2016

Doch, doch, es gibt sie noch, diese Alben, die einen – wie oft geschildert – vom ersten Augenblick an packen. “Revere Reach” von William D. Drake ist ein solches Album, und das liegt wohl daran, dass bereits der Opener “Distant Buzzing” ganz Beatles-artig mit schwungvollen Bläsern und Klavier-Beats beginnt (vergleiche “Penny Lane”, “All You Need Is Love”, “Lady Madonna” etc.) und anschließend geradezu surreale Blumenwiesen-Harmonien (vergleiche Focus’ “Hocus Pocus“), verspielte Arrangements und auch einige durchaus dunklere Schattierungen wie etwa Crimso-Gitarren im Hintergrund in diese fröhlich-verspielte Musik einbringt. Wer war doch gleich William D. Drake? Nun, dieser Name hat tatsächlich eine längere Geschichte hinter sich: Der Keyboarder gehörte zunächst zur Band Cardiacs, zu denen er parallel mit Tim und Sarah Smith die sagenumwobenen Sea Nymphs gründete. In den 90er Jahren stieg Drake bei Cardiacs aus und arbeitete mit Nervous, Wood und Lake Of Puppies zusammen, bevor er seit der Jahrtausendwende eine Solokarriere begann, und “Revere Reach” ist auch schon das fünfte Soloalbum. Das ist ein durchaus weites Feld und eine beachtliche Karriere, und diese Erfahrung merkt man “Revere Reach” auch an.

Zwar – und das wäre der kleinere Dämpfer angesichts der Euphorie, die “Distant Buzzing” als Einstieg in dieses Album auslösen kann – sind nämlich nicht alle Stücke so schwungvoll und spitzbübisch wie der Opener geraten, aber in jedem der dreizehn Songs auf “Revere Reach” schafft es Drake, sich in drei Kategorien hervorragend aus der Affäre zu ziehen: Das wären zunächst einmal die Arrangements, die durchaus sämtliche Facetten von Mittelalter- und Renaissancemusik über Barock, Klassik und Romantik bis hin zu Lounge-Jazz, Beat, Minimalismus und modernem Alternative und Noise abdecken. Herausragende Beispiele hierfür sind “Be Here Steryear”, das mit einem romantischen Klavier (vergleiche der “Bydlo”-Satz aus Mussorgskis “Bilder einer Ausstellung”) anfängt, später aber im Hintergrund immer den heutzutage wohl am ehesten aus Wendy Carlos’ “A Clockwork Orange“-Score bekannten “March For The Funeral Of Queen Mary” von Henry Purcell anklingen lässt, das mit jazzigem Besen-Schlagzeug, voluminösem Bass und Theremin-Begleitung irgendwie auf 20er Jahre getrimmte “Castaway” oder “The Blind Boy”, sowas wie die Seefahrer-Version einer mittleren Genesis-Ballade.

Überhaupt wäre “Seefahrt” in diesem Zusammenhang eine geeignete Assoziation, denn in der Tat setzt Drake recht oft auf in der Mischung undefinierbare, aber urige Sounds zwischen Harmonium, Akkordeon und Dudelsack und leicht schunkelnde 3/4-Takte. Dass die Musik auf “Revere Reach” dagegen sehr viel bunter klingt, als diese knappe Eingrenzung einer generellen Tendenz vermuten lässt, liegt dabei nicht mal so sehr an den bereits geschilderten Arrangements, sondern mehr noch an Drakes Leistung in den beiden anderen zu erwähnenden Kategorien: Melodien und Strukturierung. Erstere sind dabei stets unkonventionell, eigenwillig, ausladend, nichttrivial und kunstvoll gewunden (was auf diese Weise wieder an die Sea Nymphs erinnert). In dieser Eigenschaft ähnelt beispielsweise “Lifeblood” wiederum “A Cabin In The Sky” von Major Parkinsons “Twilight Cinema“-Album. Bei der Strukturierung hingegen schafft es Drake, die Stücke trotz verhältnismäßig kurzer Spieldauern eine Entwicklung durchmachen zu lassen. So zerlegt sich beispielsweise “A Husk” am Ende in einem Exzess, ähnlich der besten Nummern von Sigur Rós (konkret denke ich hier an “Ný batterí“), und das mit abgedrehtestem Over-the-top-Gesang erneut etwas Major-Parkinson-artige “Heart Of Oak” macht am Schluss einen kuriosen Twist in Richtung Blues durch.

In der Essenz ist “Revere Reach” hiermit also ein überaus unterhaltsames und im besten Sinne skurriles Album, das verschiedenste Eigenschaften und Stimmungen in sich vereint und, mehr noch, sie ineinander überführt: Melancholie und Überschwang, Sehnsucht und Leichtlebigkeit, Altes und Neues. Am besten auf den Punkt kommt dieser Charakter dabei wohl im herausragendsten Stück dieses Albums (neben “Distant Buzzing”): “The Catford Clown”, Renaissance-artig und mit den entsprechenden Instrumenten überaus verspielt angelegt, gemahnt an Mike Oldfield (“The Sailor’s Hornpipe“), Jethro Tull (“Jack In The Green“) oder Gentle Giant (“Raconteur Troubadour“), bleibt aber ständig unvorhersehbar. Äußerst spannend!

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